War Maria ewige Jungfrau?

Ein unter Protestanten umstrittenes marianisches Dogma ist, dass Maria zeitlebens Jungfrau blieb. Hiergegen werden unterschiedliche Argumente ins Feld geführt. Schon in den ersten Jahrhunderten gab es bereits zahlreiche Diskussionen zu einer Vielzahl von Themen. Doch in einer Sache waren sich die Kirchenväter einig: Die Hl. Maria blieb immer Jungfrau. In diesem Artikel soll das marianische Dogma der immerwährenden Jungfräulichkeit Mariens verteidigt werden.

Der ERSTgeborene

Laut Lk 2,6 ist Jesus der „Erstgeborene“ Marias. Nach unserem heutigen Sprachgebrauch drängt es einen anzunehmen, dass Jesus also der Älteste von mehreren Geschwistern war. Tatsächlich ist der Ausdruck „Erstgeborener“ eine rechtliche Bezeichnung für einen Sohn, dem keine männlichen Geschwister vorangehen (vgl. Ex 12,29; 34,19 etc.). Dieser Begriff sagt nicht aus, dass dem Erstgeborenen ein „Zweitgeborener“ nachgefolgt sein musste. Eine hebräische Inschrift, laut der eine Mutter bei der Geburt ihres „Erstgeborenen“ starb, bestätigt dies. Denn das Kind dieser Mutter wurde „Erstgeborener“ genannt, obwohl die Mutter nach ihrem Tod logischerweise keine weiteren Geschwister gebären konnte.

BIS sie einen Sohn gebar

Mt 1,25: „Und er erkannte sie nicht, bis sie einen Sohn gebar, und er gab ihm den Namen Jesus.“

Aufgrund dieses Verses wird manchmal behauptet, dass Maria nur bis zur Geburt Jesu Jungfrau war und das damit impliziert sei, dass sie danach den ehelichen Verkehr aufgenommen hat. Dies folgt aber logisch nicht daraus, denn das Wörtchen „BIS“ soll hier nur die Tatsache hervorheben, dass Josef Maria nicht angerührt hatte. Denn das würde die Jungfrauengeburt in Zweifel ziehen.

Das griechische Wort für „bis“ (heos) sagt nicht aus, dass nach diesem Zeitpunkt das Gegenteil der Fall ist, sondern nur, dass etwas bis zu diesem Zeitpunkt der Fall ist. Als Beleg kann man hierfür prüfen, wie das griechische Wort „heos“ an anderen Stellen gebraucht wird: In der griechischen Septuaginta wird es bspw. in 2Sam 6,23 verwendet. Dort wird ausgesagt, dass die Michal bis (heos) zum Tage ihres Todes kein Kind hatte. Hier kann ja kaum gemeint sein, dass sie nach ihrem Tode dann auch einmal Kinder hatte. Aber gut, hier ist ja eine inhaltliche Unmöglichkeit der Grund und nicht notwendigerweise die Bedeutung des Wortes „heos“. Aber wie sieht es mit Hebr 1,13 aus? Oder mit 1Tim 4,13? „Bis ich komme, widme dich dem Vorlesen, der Ermahnung, der Unterweisung!“ Sollte Timotheus etwa nach der Ankunft des Apostels Paulus nie wieder predigen und seine Aufgaben als Hirte wahrnehmen? Wohl kaum!

Weitere relevante Beispiele wären: 3Mo 8,33; Weish 10,14; Sir 48,15; Mt 5,18; 10,23; 12,20; 16,28; 24,34; Mk 9,1; 13,30; Lk 9,27.

Die „Brüder“ des Herrn

Doch was ist mit den Brüdern des Herrn, die etwa in Mt 13,55; 27,56; Joh 19,25 und Gal 1,19 erwähnt werden? Ist dies nicht eindeutig? Nein! An keiner Stelle wird von Söhnen der Hl. Maria gesprochen. Denn es gab noch eine andere Maria, die hierfür in Frage kommt. Lesen wir hierzu, wie Markus über diese Angelegenheit berichtet hat:

Mk 6,1-3: „Er ging von dort weiter und kam in seine Vaterstadt, und seine Jünger begleiteten ihn. Als es Sabbat war, lehrte er erstmals in der Synagoge, und die vielen, die ihn hörten, gerieten außer sich [über seine Lehre] und sagten: „Woher hat er denn dies? Was ist das für eine Weisheit, die ihm zu eigen ist? Und was sind das für Wunder, die durch seine Hände geschehen? Ist er nicht der Zimmermann, der Sohn der Maria und der Bruder des Jakobus und des Joses und des Judas und des Simon? Und sind nicht auch seine Schwestern hier bei uns?“ Und sie nahmen Anstoß an ihm.“

Mk 15,37.40-41: „Jesus aber stieß einen lauten Schrei aus und verschied. … Auch Frauen schauten von weitem zu, unter ihnen auch Maria Magdalena und Maria, die Mutter des Jakobus des Jüngeren und des Joses, und Salome, die schon, als er in Galiläa war, bei ihm waren und ihm dienten, so wie andere, die mit ihm hinaufgezogen waren nach Jerusalem.“

So identifiziert Markus die Personen „Jakobus“ und „Joses“ als zwei der „Brüder“ (griechisch. adelphoi) von Jesus (Mk 6,3), aber Markus klärt uns auch darüber auf, dass sie Söhne einer anderen Maria sind, die übrigens auch bei der Kreuzigung dabei war. Mk 15,40 identifiziert diese Maria als Mutter von Jakobus und Joses. Mk 15,47 nur als Mutter des Joses und Mk 16,1 nur als Mutter des Jakobus. Wer ist aber diese Maria? Vielleicht doch die Mutter Jesu? Wohl kaum, denn offensichtlich würde Markus die Mutter Jesu nicht als Mutter von Jakobus oder Joses betiteln sondern einfach nur als Mutter Jesu, so wie es auch in Mk 3,31.32 tat.

Matthäus gibt uns hier weitere Gewissheit. Zwar verwendet er die korrekte hebräische Form „Josef“ anstelle von „Joses“, nennt aber dafür Maria, die Mutter von Jakobus und Josef, explizit „die andere Maria“!

Mt 27,55-56.59-61 „Auch viele Frauen waren dort und sahen von Weitem zu; sie waren Jesus von Galiläa aus nachgefolgt und hatten ihm gedient. Zu ihnen gehörten Maria aus Magdala, Maria, die Mutter des Jakobus und des Josef, und die Mutter der Söhne des Zebedäus. […] Josef nahm den Leichnam und hüllte ihn in ein reines Leinentuch. Dann legte er ihn in ein neues Grab, das er für sich selbst in einen Felsen hatte hauen lassen. Er wälzte einen großen Stein vor den Eingang des Grabes und ging weg. Auch Maria aus Magdala und die andere Maria waren dort; sie saßen dem Grab gegenüber.“

Es ist wohl kaum denkbar, dass Matthäus die Mutter von Jesus als „die andere Maria“ bezeichnet. Deshalb verweisen selbst, protestantische Autoren darauf, dass die Belege darauf hinweisen, dass „die Brüder Jesu“, die bereits in Mt 13,55 genannt wurden, „nicht die Söhne von Jesu Mutter“ waren, sondern die jener anderen Maria. Hier ist auch darauf hinzuweisen, dass die Theorie, wonach die Brüder Jesu die Söhne aus einer früheren Ehe Josefs sein könnten, falsch sein muss. Wäre Josef ein Witwer gewesen, müsste seine Frau gestorben sein. Aber Maria, die Mutter von Jakobus und Josef, lebte ja noch zur Zeit der Auferstehung!

Doch warum werden dann Jakobus und Joses als „Brüder“ Jesu bezeichnet? Die Lösung ist simpel: Im jüdischen Kontext könnte das griechische Wort für „Brüder“ (adelphoi) als Synonym für nahe Verwandte, wie Cousins, verwendet werden. Dies können wir anhand alttestamentlicher Beispiele untermauern. So wird Lot in Gen 14,14 auch Abrams Bruder genannt, obwohl er sein Neffe ist. In 1Mo 29,4 und 3Mo 10,4 lesen wir von weiteren Brüdern, die keine sind.

Aber schauen wir noch einmal in Mk 6,3-4 und beachten Jesu Antwort: „Ist das nicht der Zimmermann, der Sohn der Maria und der Bruder von Jakobus, Joses, Judas und Simon? Leben nicht seine Schwestern hier unter uns? Und sie nahmen Anstoß an ihm. Da sagte Jesus zu ihnen: Nirgends ist ein Prophet ohne Ansehen außer in seiner Heimat, bei seinen eigenen Cousins (griechisch. syngeneusin) und in seiner Familie.“

Das Wort „Cousin“ (griechisch. syngeneus) stammt von der selben griechischen Wurzel wie das Wort, was der Engel Gabriel zu Maria in Lk 1,36 sagt. Wenn aber Jesus seine Brüder und Schwestern als „Verwandte“ oder „Cousins“ bezeichnet, dann liegt es ja auf der Hand, dass sie es auch sind! Hier könnten wir eigentlich schon aufhören, aber es gibt noch mehr Beweise, die hier nicht unerwähnt bleiben sollen:

Die andere Maria: Die Frau des Klopas

So liefert auch Johannes einen wichtigen Hinweis für die Identität der „anderen Maria„, die auch bei der Kreuzigung anwesend war:

Joh 19,25-27: „Aber am Kreuz Jesu standen seine Mutter und die Schwester seiner Mutter, Maria, die Frau des Klopas, und Maria Magdalena. Als Jesus die Mutter sah und bei ihr den Jünger, den er liebte, sagte er zur Mutter: Frau, siehe, dein Sohn! Dann sagte er zu dem Jünger: Siehe, deine Mutter! Und von jener Stunde an nahm sie der Jünger zu sich.“

Wir lernen hier 3 interessante Fakten, die Einblick in das Beziehungsgeflecht zwischen Jesus, Maria und seinen „Brüdern“ geben:

  1. In Joh 19,25 nennt der Evangelist die zweite Frau am Kreuz die „Schwester seiner Mutter, Maria“. Hier zeigt sich, dass auch beim Wort „Schwester“ (griechisch. adelphe) nicht unbedingt die biologische Schwester gemeint sein muss. Denn es ist sehr unwahrscheinlich, dass Marias Eltern mehreren Töchtern denselben Namen „Maria“ geben. Es handelt sich hier wohl auch um eine nahe Verwandte und nicht um die direkte Schwester.
  2. In Joh 19,25 nennt der Evangelist diese Frau „Maria, die Frau des Klopas“. Wenn Johannes sich auf dieselbe Maria bezieht, von der Matthäus und Markus gesagt haben, dass sie bei der Kreuzigung und Bestattung von Jesus anwesend war – „Maria, der Mutter von Jakobus und Joses“ -, dann sind diese die Söhne einer Maria, die mit Klopas verheiratet ist.
  3. Jesus übergibt in Joh 19,26-27 Seine Mutter dem geliebten Jünger als „seine“ Mutter. Hätte Maria tatsächliche andere Kinder, wäre es für Jesus sträflich gewesen, seine Mutter nicht diesen „Brüdern“ zu übergeben. Im Übrigen wäre es überhaupt während der Qualen der Kreuzigung merkwüridg an so etwas wie eine Versorgungsregelung für Maria zu denken, wenn doch sowieso klar wäre, dass Jesu leibliche Brüder sich schon um ihre Mutter kümmern würden. Wahrscheinlicher ist es also, dass es diese Brüder gar nicht gab.

Belege aus der Kirchengeschichte

Nach Angaben des frühesten christlichen Historikers Hegesippus waren zwei sogenannten Brüder von Jesus (Jakobus und Simon) auch die ersten beiden Bischöfe von Jerusalem. Obwohl es keine Beweise dafür gibt, dass Hegesippus versucht hätte die ewige Jungfräulichkeit Marias zu verteidigen und eigentlich nur über die Geschichte der Bischöfe in Jerusalem berichten will, nennt er die „Brüder Jesu“ wörtlich seine „Cousins“ (griechisch. anepsioi). Also auch in der Kirchengeschichte war von jeher bekannt, dass die Verwandtschaftsverhältnisse Jesu keine weiteren Kinder Mariens zulassen.

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