Ist das Beten vorgefertigter Gebete unbiblisch?

Wir Katholiken beten vorgefertigte Gebete. Das sagt vielen Protestanten nicht so zu. Der Grund für diese Ablehnung ist jedoch wohl eher stilistischer als biblischer Natur. Nichtsdestotrotz gibt es manche protestantische Lehrer und Prediger, die davon überzeugt sind, dass das Beten vorgefertigter Gebete unbiblisch sei, und verweisen dabei z.B. auf Stephanus, der im Angesicht seines Märtyrertodes spontan betete:

„Herr Jesus, nimm meinen Geist auf!“ (Apg. 7,59)

und:

„Herr, rechne ihnen diese Sünde nicht an!“ (Apg. 7,60)

Doch das ist nicht die einzige Art des Betens. Eine weitere ist, vorgefertigte Gebete zu beten. So z.B. kannten die Israeliten gemäß 2Chr 5,13 einen bestimmten vorgefertigten Lobpreis mit der Überschrift: „Ja, er ist gut, denn ewig währt seine Huld“, den sie, wie auch 2Chr 7,3 belegt, beteten.

Und bevor Jesus Christus Seinen Jüngern das Vater Unser kreierte und vorfertigte, sprach Er im Hinblick auf dieses Gebet zu ihnen:

„Wenn ihr betet, so sprecht: ‚Vater, geheiligt werde dein Name …“ (Lk. 11,2)

Die Jünger sollten also in Zukunft dieses von Christus vorgefertigte Gebet beten! Dasselbe betrifft auch das Gebet, auf das der hl. Apostel Paulus in 1Tim 3,16 verweist, indem er einen Teil dieses Gebets mitteilt:

„Und demgemäß groß ist das Geheimnis frommen Betens: ‚Er wurde offenbar im Fleische, als gerecht erkannt im Geiste, geschaut von den Engeln, verkündet den Heiden, geglaubt in der Welt, hinaufgenommen in Herrlichkeit.‘

Das war ein Teil eines frühchristlichen vorgefertigten Gebets, das zur Zeit der Apostel von den Christen gebetet wurde.

Beachten wir auch das Gebet Jesu im Garten Gethsemane. Der hl. Apostel Matthäus berichtet:

„Da verließ er sie, ging abermals hin und betete zum drittenmal mit den gleichen Worten.“ (Mt 26,44)

Der Herr fertigte hier ein Gebet vor, das er schließlich betete.

Beachten wir auch sein Gebet am Kreuz; es heißt:

„Und um die neunte Stunde rief Jesus mit lauter Stimme: ‚Eloi, Eloi, lama sabachtani?‘, das heißt: ‚Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ (Mk 15,34)

Das heißt, Jesus betete am Kreuz Psalm 22, ein vorgefertigtes Gebet!

Beachten wir auch Kol 3,16, wo Paulus die Christen in Kolossä auffordert, die Psalmengebete zu singen:

„Dankbaren Herzens singt Gott Psalmen …“ – Also vorgefertigte Gebete!

Unbiblisch ist es also nicht, vorgefertigte Gebete zu beten, sondern dies zu unterlassen!

Doch wir Katholiken beten vorgefertigte Gebete nicht deshalb, weil dies der biblische Buchstabe bezeugt, sondern weil es für uns als im Heiligen Geist frei lebende Kinder Gottes völlig selbstverständlich ist, sie zu beten. Wir brauchen dafür keine biblischen Buchstaben, die uns das erlauben müssten. Wir haben den Heiligen Geist, der uns frei macht und in unserem Herzen die Liebe zu vorgefertigten Gebeten entzündet, die uns dann dazu antreibt, sie zu beten. Wir lieben ihre schönen christlichen Worte! Und wir lieben sie, weil sie Gott verherrlichen, weil wir Gott lieben! Deshalb könnten uns fehlende biblische Buchstaben, wenn es sie denn gäbe, nicht daran hindern, aus Liebe zu Gott und den Worten, die Ihn verherrlichen, die vorgefertigten Gebete, die sie beinhalten, zu verrichten.

Die Liebe zu Gott und zu den wunderschönen Gott verherrlichenden Worten steht über dem biblischen Buchstaben! Kein biblischer Buchstabe steht über der Liebe, sondern die Liebe steht über dem biblischen Buchstaben! Das ist das, was schon die Sadduzäer, Pharisäer und Schriftgelehrten nicht verstanden haben, die daher nichts aus Glauben und Liebe getan haben, sondern weil es der biblische Buchstabe sagt, und die nichts Schönes, Gutes und Liebendes zugelassen haben, weil es ihr Buchstabenglaube verboten hat! Und das, was damals die Sadduzäer, Pharisäer und Schriftgelehrten waren, sind heute jene Lehrer und Prediger, die auf unsere vorgefertigten Gebete herabschauen.

Deshalb befreie man sich als Protestant aus ihren Ketten und werde frei im Heiligen Geist und entdecke Dessen Freiheit, in der man vorgefertigte Gebete wegen ihrer Schönheit betet, um sie Gott zu Seiner Verherrlichung zukommen zu lassen! Denn wir sollten nicht tagtäglich von Stunde zu Stunde immer neue Gebete erfinden, um sie dann hinterher wie ein wertloses Stück Müll in den Mülleimer der Vergessenheit zu werfen, da ein christliches Gebet kein geistiger Müll ist und daher nicht wie Müll behandelt werden darf! Viel zu heilig sind Seine Worte dafür! Wer christliche Gebete, wie z.B. das im Folgenden zitierte, in den geistigen Mülleimer wirft, der scheint jene Worte, die ja eigentlich Gott verherrlichen sollen, wie wertlosen Müll zu erachten:

„Gott, Du Schöpfer aller Dinge, wir beten Dich an, wir loben und preisen Dich, wir bekennen Dich als den einen Gott. Du lebst, o Gott, ewig vor aller Zeit und nach dem Ende aller Zeiten. Du bist allgegenwärtig und hoch erhaben. Deine Größe ist unendlich, Deine Kraft allmächtig, Deine Weisheit unergründlich. Heilig und gerecht sind Deine Gerichte. Deine Liebe ist ohne Grenzen und überreich Deine Barmherzigkeit. Bei Dir ist ewige Herrschaft über alle Dinge und ewige Herrlichkeit und Seligkeit.“

Wer also in der Lage ist, z.B. diese Gott verherrlichenden Worte wie wertloses Müll zu erachten, und sie deshalb in den Mülleimer der Vergessenheit zu werfen, der liebt sie nicht; aber wenn er sie nicht liebt, dann ist es auch nicht verwunderlich, dass er mit ihnen Gott keine Liebe auszudrücken vermag. Wenn wir aber Gott lieben, dann lieben wir auch solche Worte, die Gott verherrlichen. Dann sollte das Beten solcher Worte unsere Freude werden und kein liturgischer Zwang. Denn jedes christliche Gebet ist eine kostbare Perle zur Verherrlichung Gottes! Wer sie liebt, weil er Gott liebt, wird sie dann beten wollen, genauso wie er auch gerne spontane Stoßgebete an Gott richtet.

Stjepan Vucina, 2009 durchs Bibelstudium katholisch geworden, ist katholischer Apologet. Sein Herzensanliegen ist es, Protestanten anhand der Heiligen Schrift die katholische Position aufzuzeigen. Einige Protestanten in seinem Umfeld konnte er schon durch die Bibel zur Konversion führen.

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