Die ersten Christen kannten kein Sola Scriptura

Prüfen wir das protestantische Sola Scriptura mit dem Neuen Testament, so stellen wir fest, dass den ersten Christen Sola Scriptura völlig unbekannt war. Denn sie bezogen sich nicht nur auf ihre Bibel, die Septuaginta, sondern auch auf die jüdische Tradition und auf außerbiblische Schriften.

Jüdische Tradition

In 1 Kor. 10,4 spricht Paulus von einem geistigen Felsen, der den Israeliten gefolgt sei, sowie in 2 Tim. 3,8 von den Namen der in 2 Mo. 7,11-22 erwähnten ägyptischen Zauberern. Weder werden im Alten Testament die Namen dieser Zauberer genannt, noch wird dort von dem geistigen Felsen gesprochen, jedoch waren sie in der mündlichen jüdischen Überlieferung, der jüdischen Tradition, bekannt, derer sich Paulus bediente. Dasselbe betrifft Petrus, der in 2 Petr. 2,5 gemäß der jüdischen Tradition Noah als den „Künder der Gerechtigkeit“ bezeichnet. Des Weiteren bezieht sich auch Judas in Vers 9 seines Briefes auf die jüdische Tradition, nach der der Erzengel Michael mit dem Teufel um den Leichnam des Propheten Moses kämpfte. Auch Matthäus zitiert in Mt. 2,23 ein im alten Judentum mündlich überliefertes Prophetenwort: „Er wird Nazoräer genannt werden.“ Somit nutzten Paulus, Petrus, Judas und Matthäus nicht nur die Septuaginta, das Alte Testament, als Quelle der göttlichen Offenbarung, sondern auch die altjüdische Tradition.

Außerbiblische Schriften

In 2 Kor. 6,17 kombiniert Paulus Jes. 52,11 und ein außerbiblisches Zitat miteinander: ‘Darum geht fort aus ihrer Mitte und sondert euch ab’ (Jes. 52,11), spricht der Herr, ‘und Unreines rühret nicht an’ (außerbibl. Zitat)“ Der Herr sprach hier also das außerbiblische Wort: “und Unreines rühret nicht an”, so dass auch dieses Wort Wort Gottes ist. Des Weiteren ist 2 Kor. 6,18 ein außerbiblisches Zitat, welches Paulus ebenso als Wort Gottes kennzeichnet: ‘und ich will euer Vater sein, und ihr sollt mir Söhne und Töchter sein, spricht der Herr, der Alleinherrscher‘.“ Die Bibel allein ist also nicht Gottes Wort! Und in diesem Sinne bezeichnet Jakobus als Teil der Schrift sogar ein heute unbekanntes außerbiblisches Buch, aus dem er folgendes Zitat entnimmt: Oder meint ihr, dass die Schrift ohne Grund sagt: ‘Auf Neid ist das Streben des Geistes gerichtet, den er in uns wohnen ließ’?” Und auch Judas zitiert in Jud. 14-15 ein außerbiblisches Gotteswort, und zwar aus dem äthiopischen Henochbuch:

Für sie gerade hat Henoch, der siebente Nachkomme Adams, geweissagt: ‘Siehe, es kommt der Herr mit seinen Zehntausenden, um Gericht zu halten und über alle und alle Gottlosen zur Rechenschaft zu ziehen wegen all ihrer gottwidrigen Werke, die sie verübt haben wider ihn als gottlose Sünder.“

Die Bezugnahme des Paulus, des Jakobus, des Petrus und des Judas nicht nur auf die damalige Bibel, die Septuaginta, sondern auch auf die mündliche jüdische Überlieferung und auf außerbiblische Schriften, die sogar ausdrücklich als Gotteswort gekennzeichnet werden, beweist, dass den Aposteln und ersten Christen Sola Scriptura völlig unbekannt war.

Dasselbe, was das Alte Testament betrifft, betrifft auch das Neue Testament: Auch im Hinblick auf die Schriften des Neuen Testaments war den Aposteln und ersten Christen Sola Scriptura absolut unbekannt, da sie (a) noch mehr gleichgewichtige christliche Schriften besaßen und (b) die christliche Lehre zum großen Teil mündlich überliefert wurde.

Die anderen christlichen Schriften

In Lk. 1,1-2 erklärt Lukas um 60 n. Chr., dass es zu diesem Zeitpunkt bereits viele beglaubigte Evangelien gab:

Nachdem viele es unternommen haben, einen Bericht abzufassen über die Dinge, die sich unter uns zugetragen haben, entsprechend der Überlieferung derer, die von Anfang an Augenzeugen und Diener des Wortes waren“

Auch diese vielen Evangeliumsberichte hatten demzufolge unter den ersten Christen dieselbe Autorität, wie die vier bekannten Evangelien.

In 2 Petr. 3,15-16 schreibt Petrus in vermutlich den 60er Jahren n. Chr., dass es einige Paulusbriefe gibt, in denen der Apostel Paulus über die Langmut Gottes spricht. Nur ein solcher Brief von Paulus ist uns erhalten, und zwar der Römerbrief, in dem er in 2,4 von der „Geduld und Langmut“ des Herrn spricht. Es gab also noch mehr Paulusbriefe, als die, die wir im Neuen Testament vorfinden. Ein solcher Paulusbrief ist der in Kol. 4,16 genannte Laodizäerbrief. Nach 2 Kor. 10,9-10 hatte Paulus noch mehr Korintherbriefe verfasst, als die uns heute bekannten. Das geht an dieser Stelle daraus hervor, dass Paulus hier in diesem zweiten Korintherbrief von einer Person in Korinth spricht, die Paulus wie folgt angreift:

Denn die Briefe, sagt einer, sind gewichtig und stark, aber die leibliche Gegenwart ist schwach und die Rede verachtenswert.“

Das heißt: Als Paulus gerade diesen zweiten Korintherbrief am Verfassen war, gab es neben dem ersten Korintherbrief noch weitere Korintherbriefe. Ein solcher nicht erhaltener Korintherbrief ist in 2 Kor. 2,3f, 7,8 und 7,12 erwähnt; dieser wird „Tränenbrief“ oder „Zwischenbrief“ bezeichnet, „Tränenbrief“, weil er die Korinther betrübte, und „Zwischenbrief“, weil er nach dem ersten Korintherbrief und vor dem zweiten Korintherbrief geschrieben wurde.

Wenn es in Anbetracht dessen dann 64 oder 66 n. Chr. in 2 Tim. 3,15-17 heißt, dass „alle Schrift“ von Gott inspiriert ist, dann sind die übrigen Schriften des Apostels Paulus und die vielen anderen Evangelien mit einbezogen. Wer weiß, was sie alles enthalten haben, vielleicht viele Informationen über spezifisch katholische Standpunkte, welche von den Protestanten verworfen werden, nur weil sie in den neutestamentlichen Briefen nicht vorkommen.

Diese vielen anderen Evangelien und Paulusbriefe widerlegen Sola Scriptura im Hinblick auf das NT. Die ersten Christen hatten neben den später ins NT aufgenommenen Briefen und Evangelien noch viel mehr Briefe und Evangelien, durch die sie belehrt wurden, was anzeigt, dass die ersten Christen nicht nur das an Wissen besaßen, was wir in den Schriften des NT’s vorfinden, sondern noch viel mehr. Und das bedeutet, dass die Protestanten weit weniger über das Christentum wissen, als die ersten Christen. Hinzu kommen ihre falschen Interpretationen des NT’s in Kombination mit ihren Fälschungen des NT’s, so dass sie im Gegensatz zu den ersten Christen nicht nur ein unvollständiges Christentum besitzen, sondern obendrauf noch ein verfälschtes.

Die mündliche Überlieferung (Tradition)

Neben den neutestamentlichen und nichtneutestamentlichen christlichen Schriften besaßen die ersten Christen, anders als die Protestanten, auch die mündliche apostolische Überlieferung, „Tradition“ genannt. Um 33 n. Chr. hielten die Urchristen gemäß Apg. 2,42 an der mündlich überlieferten Apostellehre fest, da es zu diesem Zeitpunkt noch keine christlichen Schriften gab. Und noch um das Jahr 44 wurde gemäß Apg. 11,26 der Gemeinde in Antiochien die christliche Gesamtlehre und die Sakramenten- und Glaubenspraxis ausschließlich mündlich überliefert. Beachten wir auch 1 Tim. 3,16, wo Paulus gegenüber Timotheus einen Teil eines urchristlichen Gebetshymnus zitiert. Dies zeigt, dass der Rest des Hymnus’ als Wort Gottes ohne den ersten Timotheusbrief bekannt war, wie auch der zitierte Teil des Hymnus’ selbst. Das bedeutet: 1 Tim. 3,16 wurde überhaupt nicht benötigt, um von diesem Hymnus-Abschnitt Kenntnis zu haben. Hier zeigt sich wieder deutlich die Tradition als tragende Säule der Überlieferung, wie in Apg. 2,42 und 11,26. Als tragende Säule der Überlieferung zeigt sich die Tradition ebenso in Hebr. 13,7, wo Paulus ausdrücklich schreibt, dass den „Hebräern“ die christliche Lehre von ihren Vorstehern, den Bischöfen, direkt vor Ort vermittelt wurde, also mündlich, nicht schriftlich, trotz der bis dahin bestandenen neutestamentlichen Schriften; diese hatten die „Hebräer“ also gar nicht benötigt. Dasselbe betrifft Timotheus, dem Paulus schreibt:

Was du von mir vor vielen Zeugen gehört hast [also die mündliche Unterweisung], vertraue zuverlässigen Menschen an, die geeignet sind, auch andere zu lehren“ (2 Tim 2,2)

Timotheus wurde von Paulus ausnahmslos mündlich in der christlichen Lehre und Sakramenten- und Glaubenspraxis unterwiesen, ebenfalls trotz bestehender neutestamentlicher Schriften, die dafür überhaupt nicht benötigt wurden, was wiederum zeigt, dass die tragende Überlieferungssäule die Tradition war, und nicht die Schriften des Neuen Testaments.

Anderen Christen wurde die christliche Lehre und Sakramenten- und Glaubenspraxis hingegen mündlich und schriftlich vermittelt, was sich besonders gut bei den Thessalonichern zeigt:

So steht denn fest, Brüder, und haltet euch an die Überlieferungen, die ihr gelehrt wurdet, sei es durch ein Wort, sei es durch einen Brief von uns.“ (2 Thess. 2,15)

Den Christen in Thessalonich wurde die christliche Lehre also mündlich und schriftlich überliefert. Dasselbe betrifft die Adressaten des zweiten und dritten Johannesbriefes:

Vieles hätte ich euch zu schreiben, doch wollte ich es nicht mit Papier und Tinte tun; denn ich hoffe, zu euch zu kommen und von Mund zu Mund zu sprechen …“ (2 Joh. 12)

Vieles hätte ich dir zu schreiben, doch ich wollte es dir nicht mit Tinte und Feder schreiben. Ich hoffe aber, dich bald zu sehen und von Mund zu Mund zu sprechen.“ (3 Joh. 13f)

Noch Vieles hatte der Apostel Johannes gegen Ende des ersten Jahrhunderts der betreffenden Gemeinde, auf die er sich im zweiten Brief bezieht, und dem Gajus, den er im dritten Brief nennt, mündlich zu überliefern, und zwar Vieles, was ihnen noch nicht schriftlich überliefert wurde, obwohl die übrigen Briefe des NT’s vorhanden waren. Das bedeutet: Trotz der Briefe des NT’s hatten die besagte Gemeinde und Gajus kein vollständiges Wissen über die christliche Lehre, weshalb Johannes ihnen einen beträchtlichen Teil mündlich zu überliefern beabsichtigte, und es bei Gelegenheit gewiss auch getan hat. Des Weiteren ist hier noch folgendes Detail zu beachten: Wenn Johannes der Gemeinde und Gajus erklärt, dass er ihnen trotz der Schriften des NT’s noch VIELES mitzuteilen hätte, dann besagt das, dass die christliche Lehre und die Sakramenten- und Glaubenspraxis noch weit umfangreicher sind, als das, was wir im NT vorfinden, was wiederum besagt, dass die Protestanten mit dem NT nur einen extrem geringen Teil des Christentums besitzen, obendrauf noch durch Missinterpretationen und Bibelfälschungen verfälscht.

Zu beachten ist auch 1 Kor. 11,2, wo Paulus den Korinthern schreibt:

Ich lobe euch, dass ihr in allem meiner eingedenk seid und die Überlieferungen wahret, wie ich sie euch übergeben habe.“

Das heißt: Paulus vermittelte den Korinthern die christliche Lehre und die Sakramenten- und Glaubenspraxis schon lange vor den neutestamentlichen Korintherbriefen. Sie waren ihnen also schon ohne diese und andere neutestamentlichen Briefe bekannt, was bedeutet, dass die neutestamentlichen Korintherbriefe gegenüber den Korinthern nur einige ihnen bereits bekannte Punkte der Gesamtlehre aufgreifen und diese lediglich ihrer Vertiefung und näheren Erläuterung dienen.

Ergo: Die Apostel und ersten Christen kannten kein Sola Scriptura. Sola Scriptura ist eine Erfindung der „Reformatoren“ im 16. Jahrhundert, die seither fleißig weiter vertreten wird, gemäß 2 Joh. 8f zum eigenen Schaden. Denn die christliche Lehre und Sakramenten- und Glaubenspraxis ist noch viel umfangreicher als der Inhalt des NT’s. Und dieser umfangreiche Rest, der nach 2 Joh. 12 und 3 Joh. 13f über das NT hinausgeht, ist das, was in derselben Kirche von Generation zu Generation in der Tradition weitergetragen wurde, und was die Protestanten als Hirngespinste der katholischen Kirche betrachten.

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