Der Zölibat des Priesters: Hemmschuh alter Zeiten oder Schatz der Nachfolge?

Der Zölibat ist immer wieder ein Streitpunkt, an dem sich die Geister scheiden. Besonders im Konsens der westlichen Gesellschaft wird er heute nur noch von den Wenigsten verstanden. Vielmehr wird er heftig kritisiert und angegriffen, sodass er unter anderem im Rahmen vom „Synodalen Weg“ der deutschen Kirche stark infrage gestellt wird. Eines der gängigen Argumente gegen den Zölibat ist, dass dieser erst als plötzliche Erfindung im Mittelalter willkürlich dem bis dato kinderzeugenden Klerus aufgebürdet worden sein soll, um materielle Güter zu schützen, weswegen er theologisch irrelevant und für die heutige Zeit untragbar sei. Das ist jedoch nicht richtig, denn hier wurde aus einer Halbwahrheit gar eine Unwahrheit gemacht.

Entgegen dieser unzureichenden Vereinfachung durch die Zölibatsfeinde kennt die Kirche sehr wohl eine lange Tradition der Enthaltsamkeit, welche bis auf das frühe Christentum zurückgeht.

Zölibat in der Kirchengeschichte

Um die tatsächliche Entwicklung historisch zu verstehen, muss man zunächst einmal zwischen dem „Enthaltsamkeitszölibat“ und dem „Ehelosigkeitszölibat“ unterscheiden.

Bereits die frühen Kirchenväter wie Klemens von Alexandrien, Tertullian von Karthago, Johannes Chrysostomus oder Hieronymus bezeugen eine intensive Auseinandersetzung mit der Enthaltsamkeit für Kleriker. Ebenfalls gibt es diverse Synodenbeschlüsse aus antiker Zeit, die darauf bezogen waren. Durch verschiedene Quellen kann man diese Lebensform bis in das 2. Jahrhundert in Ost- und Westkirche zurückverfolgen. Seit Anfang des 3. Jahrhunderts erkennen wir aufgrund der Praxis der Enthaltsamkeit auch bereits teilweise einen Trend zum ehelosen Klerus. Bei der Synode von Elvira (306 n. Chr.) wurde im Kanon 33 sodann der Enthaltsamkeitszölibat für Priester ab dem Tag der Weihe offiziell vorgeschrieben.

Der angebliche Text von Bischof Paphnutius auf dem Konzil von Nizäa (325 n. Chr.) gegen die Enthaltsamkeit, welchen Zölibatsgegner immer wieder gerne erwähnten, hat sich übrigens als unhistorische Legende herausgestellt, die womöglich von der Novatianersekte erfunden wurde. Stattdessen erkennen wir an wichtigen Entscheidungen der frühen Päpste Damasus, Siricius und Innozenz am Ende des 4. Jahrhunderts, dass diese den Zölibat für einen biblisch belegbaren Schatz hielten, der bis auf die Apostel zurückzuführen sei. Zu dieser Zeit wurde der Enthaltsamkeitszölibat also im Westen von Päpsten, im Osten von Kaisern, vorgeschrieben.

Ab dem 5. Jahrhundert gab es jedoch eine schwere Krise im byzantinischen Reich, weswegen man aus politischen Gründen anfing, die Klerikerenthaltsamkeit, zunächst beispielsweise in Persien, abzuschaffen. So wurde in der Ostkirche letztendlich mit der Tradition gebrochen, als man die enthaltsame Lebensführung von Priestern und Diakonen im Rahmen des Zweiten Trullanischen Konzils (691 n. Chr.) aufhob. Noch heute erkennt man jedoch in der orthodoxen Kirche Überbleibsel der alten Praxis, beispielsweise bei der kultischen Reinheit (Enthaltsamkeit vor Eucharistiefeier) oder bei Bischöfen und Mönchen, denen der Zölibat gänzlich vorgeschrieben bleibt.

Die westliche Kirche hingegen hielt durch die Jahrhunderte hindurch an diesem alten Wert fest, sodass bis ins Mittelalter für den Klerus ab dem Zeitpunkt der Weihe der Enthaltsamkeitszölibat bestehen blieb. Eine Ehe war an sich zunächst kein Hindernis, denn für geweihte Verheiratete war eine anspruchsvolle, enthaltsame „Josefsehe“ gängig, bei welcher die Kinder bereits ausgezogen sein mussten und eine Zustimmung zur Weihe von der Ehefrau erfragt wurde.

Erst auf dem Zweiten Lateran-Konzil (1139 n. Chr.) beschloss man, nicht aus dem Nichts, sondern nach einer langen Tradition des Enthaltsamkeitszölibats, nun erstmals auch den Ehelosigkeitszölibat. Man kam bei diesem herausfordernden Thema in jener Zeit zur Erkenntnis, dass es zur Einhaltung der Enthaltsamkeit einfacher ist, eine vollkommene Ehelosigkeit aller Priester zu verlangen. Es gab zwar in diesem Bereich immer wieder Spannungen in der Geschichte, weswegen der Zölibat beispielsweise im Konzil von Trient (1545-1563) oder zuletzt im Zweiten Vatikanischen Konzil (1962-1965) nochmals bekräftigt wurde, jedoch kann das vereinfachende Argument nicht stehen gelassen werden, dass die Kirche dafür lediglich strukturelle statt spirituelle Gründe hätte. Vielmehr ist es faszinierend zu sehen, dass sie seit den frühchristlichen Wurzeln bis heute daran festhält, da die priesterliche Enthaltsamkeit eine Lebensform ist, die bereits in der heiligen Schrift bezeugt ist.

Zölibat in der Bibel

Eine Hauptbegründung für den Zölibat liegt bei keinem Geringeren als bei Jesus Christus selbst, denn er hat die Ehelosigkeit vorgelebt. Da ein geweihter Priester nach katholischer Lehre in besonderer Weise einen „alter Christus“ (lat.), also einen „anderen Christus“ darstellt, ist eine Übernahme dieser Lebensform bereits naheliegend. In der Bibel finden wir diverse Stellen, die auf die Enthaltsamkeit eingehen. Die wohl einprägsamste Stelle ist jene, wo Jesus selbst diese Lebensweise klar beschreibt, als er unter anderem von solchen spricht, die sich selbst für die Ehelosigkeit entscheiden, um des Himmelreiches willen (Mt 19, 12).

So haben die Apostel für den himmlischen Lohn zur vollkommenen Nachfolge alles hinter sich gelassen, sogar ihre Frauen und Kinder (Lk 18,29 / Mt 19,27-29 / Mk 10,28). Zudem lesen wir in den Paulusbriefen, dass eine Zweitehe als Weihehindernis erklärt wird, was ganz offenbar darauf hinweist, dass diese als ein Zeichen für mangelnde Fähigkeit zur Enthaltsamkeit verstanden wurde (1. Tim 3, 2+12 / Tit 1,6).

Zölibat heute und morgen

Sobald man in der heutigen Diskussion vom „Zwangszölibat“ spricht, sollte man diesen Begriff ablehnen, denn der Zölibat ist kein brutaler Zwang, sondern Teil einer Berufung, die man in voller Freiheit annehmen kann. Zwar bildet die Ehelosigkeit eine mit der Berufung verbundene Pflicht, jedoch als Antwort auf den liebenden Ruf Gottes. Dieses Opfer der Enthaltsamkeit ist weder unbiblisch, noch rein menschlichen Rechts, sondern eine mystische Komponente der Ganzhingabe und Nachfolge Christi, über welche der HERR selbst gesprochen hat und die man bereits in der frühen Kirche kannte. Es ist gerade die Fähigkeit zur Enthaltsamkeit selbst, welche von einer enormen Freiheit in Christus zeugt.

Hört man immer wieder in Bezug auf den schrecklichen Missbrauchsskandal der Kirche, dass der Zölibat mit daran Schuld sei, so ist dies eine Behauptung, die weder begründbar, noch logisch ist. Denn wer glaubt, ein Priester werde allein dadurch pädophil, dass er kein sexuelles Verhältnis auslebe, der müsste dies auch über alle anderen Personen auf der Welt behaupten, welche, aus welchen Gründen auch immer, alleinstehend leben – und das wäre absurd.

Manchmal wird gemutmaßt, dass der Zölibat auch Menschen aus falschen Motiven anlocke, welche eine kranke Sexualität besitzen und sich erhoffen, diese in enthaltsamer Lebensform unbemerkt zu „ersticken“, weswegen sie sich ins Priesteramt flüchten würden. Doch kann auch dieses Argument dem Zölibat als solches nicht die Daseinsberechtigung entziehen. Schließlich würde auch niemand mit gesundem Menschenverstand auf die Idee kommen, man müsse bei der Polizei grundsätzlich Handschellen, Schlagstock und Schusswaffe abschaffen, weil es hin und wieder leider Beamte gibt, welche diesen Beruf zum Machtmissbrauch durch Polizeigewalt ausüben.

Stattdessen betont die katholische Kirche selbst den Anspruch, dass die Fähigkeit zum Priestertum von Weihekandidaten geprüft werden muss, da dieses Amt nur von gesunden und an sich heiratsfähigen Männern mit sexueller Reife gelebt werden sollte.

Wenn es auch Priester gibt, welche ihre Gelübde brechen, ihr Amt niederlegen oder sich selbst gegen den Zölibat aussprechen, so ist dies auch nicht ausschlaggebend, um ihn prinzipiell abzulehnen. Man darf den Blick hingegen auf die vielen Priester aus aller Welt richten, welche die Enthaltsamkeit überzeugt leben und auch spirituell zutiefst verinnerlichen. Die Schriftstellerin Sigrid Undset schrieb passend dazu: „Es gibt Leute, die sich viel mehr für einen Priester interessieren, der seine Gelübde gebrochen hat, als für zweihundert andere, die diese Gelöbnisse zwischen einem Gewehrlauf und gezogenem Säbel bekräftigt haben.“

In all den Fällen von unkeuschen Priestern sollte man sich stattdessen fragen, ob das Problem anstatt bei der katholischen Glaubenslehre nicht doch eher im Gegenteil begründet ist, nämlich im Unglauben.

Wenn manche den Pflichtzölibat abschaffen möchten, weil sie darin eine scheinbare Lösung für Priestermangel oder gar Kirchenaustritte sehen, so reicht ein Blick zu den protestantischen Kirchen, welche keine Enthaltsamkeit kennen und doch in den Statistiken nicht besser dastehen als wir. Und wer die evangelischen Kirchen überhaupt als funktionierendes Modellbeispiel für verheiratete Pfarrer anführen will, der muss einsehen, dass ein Vergleich in Fragen der Lebensform schon nur deshalb hinkt, weil der protestantische Pastor im Gegensatz zu einem Priester kein Sakrament der Weihe empfangen hat und somit das dogmatische Amtsverständnis ein vollkommen anderes ist. Spricht man hingegen von der orthodoxen Kirche um eine Zölibatslockerung zu begründen, so wissen wir, wie bereits erläutert, dass die Ostkirche es war, welche mit der Tradition gebrochen hatte. Zwar erkennen wir in ihren Priestern trotz Eheführung würdige Hirten, doch ist die heutige Kirche im Osten nicht mit unserer gleichzusetzen. Einige Theologen beobachten, dass die Gesellschaft innerhalb der orthodoxen Kirche noch vermehrt eine Tradition der Mystik und einen weniger hinterfragten Glauben hat, als es in unserer westlichen Gesellschaft inzwischen der Fall ist. Somit werden Amt und Würde im Konsens des Ostens auch ohne Zölibat hochgehalten. Bei uns im Westen hätte eine Abschaffung des Zölibats diesbezüglich hingegen womöglich Konsequenzen, denn er ist nach Außen hin für die Welt ein starkes Unterscheidungsmerkmal, ja gar ein Alleinstellungsmerkmal von Priestern, wodurch die Besonderheit des Weiheamtes in der heutigen Zeit der moralischen Orientierungslosigkeit unterstrichen wird.

Ebenfalls kann die Pflicht zum Zölibat beim ein oder anderen Kandidaten jene Hürde stellen, die davon abhält, zu leichtfertig den Weg des Priestertums einzuschlagen, wenn er diesen eigentlich nicht in seiner Tiefe begriffen hat, oder sein persönlicher Glaube dem der Kirche nicht entspricht, mit anderen Worten, falls er nicht berufen ist. So fasste Pater Engelbert Recktenwald FSSP dies im Februar 2011 mit dem treffenden Satz zusammen: „In der heutigen Glaubenskrise wirkt der Zölibat wie eine Firewall, die das massenhafte Eindringen von halbgläubigen Trojanern ins Priesteramt verhindert.“ Wenn diese „Firewall“, wie P. Recktenwald sie nennt, offensichtlich auch nicht ganz sicher ist, so ist sie dennoch immerhin besser, als keine.

Berufung durch Gott

Die Enthaltsamkeit kann unserer eh schon säkularisierten Gesellschaft also zeigen, dass der Priester nicht lediglich ein Kirchenfunktionär ist. Das Priesteramt ist nicht irgendein Beruf, sondern Berufung durch Gott. Wie anfangs bereits angedeutet, darf der Berufene auf diese Einladung Gottes, die eine große Verantwortung und Verpflichtung mit sich trägt, mit seinem „Ja“ antworten, doch ist niemand dazu gezwungen, Priester zu werden. Man weiß vorher, worauf man sich einlässt, weshalb also auch der Zölibat mit freiem Willen angenommen wird, um Jesus und den Aposteln in ihrer tiefgründigen Tugend zu folgen. Daher schwört man bei der Weihe durch den Bischof ganz offiziell, diesem Vorsatz treu zu bleiben und in dieser Lebensform Gott und den Menschen zu dienen, sowie man gelobt, der Lehre der Kirche treu zu bleiben.

Das Einhalten der Enthaltsamkeit mit dem Beistand des HERRN  soll zu spirituellen Früchten führen, die unzählige Priester bezeugen, welche diese Lebensform durch die Jahrhunderte der Kirche hindurch erfüllend gelebt haben. Mit der Ehelosigkeit ergibt sich übrigens für den katholischen Priester nebenbei der pragmatische Vorteil, dass dieser sich gänzlich seiner Berufung hingeben kann, ohne, dass er zusätzlich die Verpflichtungen und Sorgen einer eigenen Familie tragen muss, sodass die Prioritäten ungeteilt für den Dienst im Weinberg des Herrn bestehen bleiben.

Das Zweite Vatikanische Konzil hält fest, dass die vollkommene Enthaltsamkeit zwar nicht vom Wesen des Priestertums selbst gefordert werde, (was auch Ausnahmen innerhalb unserer Kirche zeigen, wie die Zölibats-Dispens von konvertierten Geistlichen oder romunierten Ostpriestern), jedoch „in vielfacher Hinsicht dem Priestertum angemessen“ ist. Und was der Papst auf Erden bindet, das ist im Himmel gebunden (Mt 16,19).

Die Enthaltsamkeit ist ein Hinweis dafür, dass es mehr gibt um des Himmelreiches willen. Etwas, das höher ist, als die alltägliche Lebensweise des Menschen es hergeben könnte. Der Zölibat ist ein Zeugnis der Entweltlichung nach dem Motto: „Gott allein genügt“ und beweist, was die Radikalität vollkommener Christusnachfolge wert ist. Diese Radikalität ist einigen Grund zum Anstoß, aber das ist gut so. Auch Jesus wusste dies, als er über die Ehelosigkeit um des Himmelreiches willen sagte: „Nicht alle können dieses Wort erfassen, sondern nur die, denen es gegeben ist. (…) Wer es erfassen kann, der erfasse es.“ (Mt 19, 11-12)

Daniele ist Theologiestudent der Hochschule Heiligenkreuz.

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