Das Urchristentum lebte weitestgehend aus der Tradition

Jesus Christus, der Herr, übergab seinen Aposteln seine Lehre vor seiner Himmelfahrt, und zwar mündlich, nicht schriftlich, und seine Apostel wiederum belehrten die allerersten Gläubigen ebenfalls mündlich, nicht schriftlich, weshalb sie denn nicht in der Lehre des Neuen Testaments, sondern in der Lehre der Apostel verharrten:

“Sie verharrten in der Lehre der Apostel …” (Apg. 2,42)

Die allerersten Christen, von denen hier in Apg. 2 berichtet wird, hatten um 34 n. Chr. nämlich keine christlichen Schriften – keine Evangelien, keine Apostelgeschichte, keine Briefe und keine Johannesoffenbarung, sondern sie ließen sich von den Aposteln ausschließlich mündlich belehren! Ursprünglich war also nur die christliche Tradition mit ihrer Fülle der Lehre und der Sakramenten- und Glaubenspraxis da! Es galt also – unter den Aposteln damals – nur Sola Traditio!

Interessant ist, dass, als es um 56 n. Chr. nur das Markusevangelium, die beiden Thessalonicherbriefe, den Galaterbrief und die beiden Korintherbriefe gab, Paulus schreiben konnte:

“Ihr waret Sklaven der Sünde, wurdet aber gehorsam von Herzen dem Bilde der Lehre, auf die hin ihr überantwortet wurdet” (Röm. 6,17)

Das heißt, als um 56 n. Chr. 18 – 20 neutestamentliche Schriften fehlten, haben die Christen bereits die Lehre besessen! Um die Lehre zu kennen, benötigte im 1. Jh. also niemand die neutestamentlichen Schriften. Sie war schon ohne sie bekannt. Die neutestamentlichen Briefe greifen lediglich einige wenige, aber zentrale und wesentliche Teile der durch weitgehend mündliche apostolische Überlieferung bereits bekannten Lehre auf, um sie näher zu beleuchten, und das war’s auch schon. Denn die Lehre musste ja, weil sie schon fast allen bekannt war, für kaum jemanden noch zusätzlich niedergeschrieben werden. Mehr als eine nähere Beleuchtung einiger Teile der bereits bekannten Lehre liegt in den neutestamentlichen Briefen also nicht vor! Diese werden in Anbetracht dieser Faktenlage von Seiten der Protestanten und auch von manchen Katholiken willkürlich überbewertet. Das bestätigt Paulus auch in seinem 64 n. Chr. geschriebenen zweiten Brief an Timotheus:

„Was du von mir vor vielen Zeugen gehört hast [also die mündliche Unterweisung], vertraue zuverlässigen Menschen an, die geeignet sind, auch andere zu lehren“ (2 Tim 2,2)

Nicht also das von Paulus und anderen Schreibern des Neuen Testaments bereits bis dato Geschriebene sollte Timotheus zuverlässigen Menschen anvertrauen, sondern das von Paulus an ihn mündlich Überlieferte, und zwar die dem größten Teil der Christenheit bereits bekannte mündlich überlieferte Gesamtlehre etc.

Eine Ausnahme machten die Christen in Thessalonich, denen Paulus und weitere Männer der Kirche nach 2 Thess. 2,15 die Gesamtlehre und die Sakramenten- und Glaubenspraxis mündlich und schriftlich überlieferten. Wir sehen in 2 Thess. 2,6-7 aber auch, wie Paulus dort erklärt, dass die Thessalonicher genau wüssten, Wer und Was dem Erscheinen des Antichristen im Wege steht. Da dieses “Was” und dieser “Wer” nirgendwo in der Bibel erwähnt wird, so zeigt das, dass die Thessalonicher von diesem “Was” und diesem “Wer” entweder aus der mündlichen apostolischen Überlieferung, der Tradition, wussten, oder aus einem nicht ins Neue Testament aufgenommenen Thessalonicherbief.

Wenn dann Paulus in 1 Kor. 4,6 den Korinthern erklärt, “nicht hinauszugehen über das, was geschrieben ist”, dann bezieht er sich ganz konkret auf die in den Abschnitten zuvor vollständig behandelten Themen, und nicht auf die gesamte Bibel, da diese ja 54 n. Chr., als Paulus den ersten Korintherbrief schrieb, noch gar nicht vollendet war, und nach diesem falschen Verständnis der Aussage 4,6 die in den Jahren und Jahrzehnten nach 54 verfassten neutestamentlichen Schriften für den Christen untersagt wären, da diese streckenweise über das hinausgehen, was im Jahr 54 an Schriften vorlag.

So sehen wir, dass die tragende Überlieferungssäule der gesamten Lehre für die Allgemeinheit der ersten Christen der einen Kirche im 1. Jh. n. Chr. nicht die Schriften des Neuen Testaments waren, sondern die Tradition! Die e i n e christliche Lehre wurde fast allen Gemeinden der Kirche von den Aposteln und Bischöfen insgesamt mündlich überliefert, wobei diese mündliche apostolische Überlieferung in ihrer Fülle innerhalb derselben Kirche von Generation zu Generation weitergetragen und entfaltet wurde – bis heute!

Der “reformatorischen” Überbewertung des Neuen Testaments haben es die Protestanten zu verdanken, dass sie nur einen geringen Teil der gesamten mündlich überlieferten Lehre haben, während wir Katholiken sie aufgrund der mündlichen Überlieferung in ihrer Fülle besitzen. Hinzu kommt, da sie in weiten Teilen das Neue Testament missverstehen und zusätzlich verdrehen und fälschen, dass ihre unvollständigen Lehren noch zusätzlich mit unzähligen Irrlehren bespickt sind, was sich daran zeigt, dass sie, aufgrund ihres unterschiedlichen und widersprüchlichen Bibelverständnisses und ihrer Bibelfälschungen, in 10.000de Glaubensgemeinschaften zerspalten und zersplittert sind, womit sie wiederum von den Urchristen abweichen, weil diese allesamt nur eine einzige Lehre hatten, die, die sie von den Aposteln und Bischöfen weitestgehend mündlich überliefert bekommen haben.

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