Das Urchristentum lebte aus der Tradition

Jesus Christus, der Herr, übergab seinen Aposteln seine Lehre mündlich, nicht schriftlich; und seine Apostel wiederum belehrten die allerersten Gläubigen ebenfalls mündlich, nicht schriftlich, weshalb sie denn nicht in der Lehre des Neuen Testaments, sondern in der Lehre der Apostel verharrten:

“Sie verharrten in der Lehre der Apostel …” (Apg 2,42)

Die allerersten Christen, von denen hier in Apg 2 berichtet wird, hatten im Jahre 30 n. Chr. nämlich keine christlichen Schriften – keine Evangelien, keine Apostelgeschichte, keine Briefe und keine Johannesoffenbarung, sondern sie ließen sich von den Aposteln ausschließlich mündlich belehren! Ursprünglich war also nur die christliche Tradition mit ihrer Fülle der Lehre und der Sakramenten- und Glaubenspraxis da! Es galt also – unter den Aposteln damals – nur Sola Traditio! Diese Christen hatten das Neue Testament also gar nicht benötigt! Sie wussten auch so alles!

Interessant ist, dass, als es um 56 n. Chr. nur das Markus- und Matthäusevangelium, die beiden Thessalonicherbriefe, den Galaterbrief und die beiden Korintherbriefe gab, Paulus schreiben konnte:

“Ihr waret Sklaven der Sünde, wurdet aber gehorsam von Herzen dem Bilde der Lehre, auf die hin ihr überantwortet wurdet” (Röm 6,17)

Das heißt, als um 56 n. Chr. 18 – 20 neutestamentliche Schriften fehlten, die Christen bereits die Lehre besessen haben. Um die christliche Lehre zu kennen, benötigte im 1. Jh. also niemand die neutestamentlichen Schriften. Sie war den Christen ohne sie schon bekannt. Die neutestamentlichen Briefe greifen lediglich einige wenige, aber zentrale und wesentliche Punkte der durch die mündliche Überlieferung bereits bekannten Lehre auf, um sie näher zu beleuchten, und das war’s auch schon. Denn die Lehre musste ja, weil sie schon bekannt war, für niemanden mehr noch zusätzlich aufgeschrieben werden. Mehr als eine nähere Beleuchtung einiger Punkte des bereits Bekannten in Schriftform liegt in den neutestamentlichen Briefen also nicht! Diese werden in Anbetracht dieser Faktenlage von Seiten der protestantischen Christen und auch von manchen katholischen Christen willkürlich überbewertet und überbetont. Das bestätigt Paulus auch in seinem 64 n. Chr. geschriebenen Brief an Timotheus:

„Was du von mir vor vielen Zeugen gehört hast [also die mündliche Unterweisung], vertraue zuverlässigen Menschen an, die geeignet sind, auch andere zu lehren“ (2 Tim 2,2)

Nicht also das von Paulus und anderen Schreibern des Neuen Testaments bereits bis dato Geschriebene sollte Timotheus zuverlässigen Menschen anvertrauen, sondern das von Paulus an ihn mündlich Überlieferte, und zwar die den Christen bereits bekannte mündlich überlieferte Gesamtlehre, die Timotheus nach Paulus’ Auftrag mündlich weitergeben sollte. Lesen wir auch in 2 Thess 2,15:

“So stehet denn fest, Brüder! und haltet fest an den Überlieferungen, die ihr gelernt habt, sei es durch mündliche Rede, sei es durch ein Schreiben von uns.”

Vor dem Hintergrund des ersten und zweiten Thessalonicherbriefes war es nur äußerst wenig, was die Thessalonicher in diesen beiden Briefen gelehrt bekommen haben, was zeigt, dass sie noch viel mehr an Lehre “durch mündliche Rede” überliefert bekamen, was sich z.B. in 2 Thess 2,6-7 zeigt, wo Paulus erklärt, dass die Thessalonicher genau wüssten, Wer und Was dem Erscheinen des Antichristen im Wege steht. Da dieses Was und dieser Wer nirgendwo in der Bibel erwähnt wird, so zeigt das, dass die Thessalonicher, wie auch die übrigen Christen zu der Zeit, dieses Was und diesen Wer aus der mündlichen Überlieferung der Apostel, der Tradition, kannten.

Wenn dann Paulus in 1 Kor. 4,6 den Korinthern erklärt, “nicht hinauszugehen über das, was geschrieben ist”, dann bezieht er sich ganz konkret auf die in den Abschnitten zuvor vollständig behandelten Themen, und nicht auf die gesamte Bibel, da diese ja 54 n. Chr., als Paulus den ersten Korintherbrief schrieb, noch gar nicht vollendet war, und nach diesem falschen Verständnis der Aussage 4,6 die in den Jahren und Jahrzehnten nach 54 verfassten neutestamentlichen Schriften für den Christen untersagt wären, da diese streckenweise über das hinausgehen, was im Jahr 54 an Schriften vorlag. Beachten wir auch, was der Apostel Johannes gegen Ende des ersten Jahrhunderts in seinem zweiten und dritten Brief schrieb:

Vieles hätte ich euch zu schreiben, doch wollte ich es nicht mit Papier und Tinte tun; denn ich hoffe, zu euch zu kommen und von Mund zu Mund zu sprechen …“ (2 Joh. 12)

Vieles hätte ich dir zu schreiben, doch ich wollte es dir nicht mit Tinte und Feder schreiben. Ich hoffe aber, dich bald zu sehen und von Mund zu Mund zu sprechen.“ (3 Joh. 13f)

Noch Vieles hatte der Apostel Johannes gegen Ende des ersten Jahrhunderts der betreffenden Gemeinde, auf die er sich im zweiten Brief bezieht, und dem Gajus, den er im dritten Brief nennt, mündlich zu überliefern, und zwar Vieles, was ihnen noch nicht schriftlich überliefert wurde, obwohl die übrigen Briefe des NT’s vorhanden waren. Das bedeutet: Trotz der Briefe des NT’s hatten die besagte Gemeinde und Gajus kein vollständiges Wissen über die christliche Lehre, weshalb Johannes ihnen einen beträchtlichen Teil mündlich zu überliefern beabsichtigte, und es bei Gelegenheit gewiss auch getan hat. Des Weiteren ist hier noch folgendes Detail zu beachten: Wenn Johannes der Gemeinde und Gajus erklärt, dass er ihnen trotz der Schriften des NT’s noch VIELES mitzuteilen hätte, dann besagt das, dass die christliche Lehre und die Sakramenten- und Glaubenspraxis noch weit umfangreicher sind, als das, was wir im NT vorfinden.

So sehen wir, dass die tragende Überlieferungssäule der gesamten Lehre für die ersten Christen der einen Kirche im 1. Jh. n. Chr. nicht die Schriften des Neuen Testaments waren, sondern die Tradition, die mündliche Überlieferung der Apostel! Die e i n e christliche Lehre wurde allen Gemeinden der Kirche von den Aposteln und Bischöfen mündlich überliefert, wobei diese mündliche apostolische Überlieferung in ihrer Fülle innerhalb derselben Kirche von Generation zu Generation weitergetragen und und durch die Jahrhunderte hindurch entfaltet wurde – bis heute, während in den Briefen lediglich einige äußerst wenige bekannte Punkte aufgegriffen wurden, um diese näher zu beleuchten!

Der “reformatorischen” Überbewertung des Neuen Testaments haben es die Protestanten zu verdanken, dass sie nur einen äußerst geringen Teil der gesamten mündlich überlieferten Lehre haben, während wir Katholiken sie aufgrund der mündlichen Überlieferung in ihrer Fülle besitzen. Hinzu kommt, da sie in weiten Teilen das Neue Testament missverstehen und viele es sogar verdrehen und fälschen, dass ihre unvollständigen Lehren noch zusätzlich mit unzähligen Irrlehren bespickt sind, was sich daran zeigt, dass sie, aufgrund ihres unterschiedlichen und widersprüchlichen Bibelverständnisses und ihrer Bibelfälschungen, in über 47.000 Glaubensgemeinschaften + Millionen Einzelgänger zerspalten und zersplittert sind, womit sie wiederum von den Urchristen abweichen, weil diese allesamt nur eine einzige Lehre hatten, die, die sie von den Aposteln und Bischöfen mündlich überliefert bekommen haben.

Weiterführende wertvolle und wichtige Texte zum Thema: 

1. Text: Ehemaliger evangelischer Pfr. Andreas Theurer: Das Neue Testament entstand aus der lebendigen Tradition der Kirche: https://katholischeapologetik773250399.wordpress.com/2020/11/24/andreas-theurer-das-neue-testament-entstand-aus-der-lebendigen-tradition-der-kirche/

2. Text: Dr. Ludwig Neidhart: Mündliche Tradition, kirchliches Lehramt und die Lehre von den sieben Sakramenten: Was lässt sich biblisch begründen? : https://www.philso.uni-augsburg.de/institute/philosophie/Personen/Lehrbeauftragte/neidhart/Downloads/TraditionSakramente.pdf

 

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