Bilderverbot in der Bibel?

In der katholischen Kirche ist es Brauch, bildliche Darstellungen der göttlichen Personen und von Maria, Engeln und Heiligen zu gebrauchen. Der Gebrauch von Bildwerken ist somit Teil unserer christlichen Spiritualität. Sie fördert erfahrungsgemäß das christlich-geistige Wachstum, vertieft den Glauben und fördert die persönliche Heiligung, zu der der Christ verpflichtet ist (1Thess 4,3.7; Hebr 12,14).

Mit Verweis auf das 1. Gebot (in großen Teilen des Protestantismus das 2. Gebot) behaupten protestantische Lehrer und Prediger, dass dies, nämlich die Herstellung und der Gebrauch von Bildwerken, Gott verboten habe:

„Du sollst keine anderen Götter haben neben mir. Du sollst dir kein geschnitztes Bild machen, auch keinerlei Abbild dessen, was droben im Himmel oder was unten auf der Erde oder was im Wasser unter der Erde ist.“ (2Mo 20,3-4)

Die katholische Kirche widersetze sich diesem Gebot und betreibe daher Götzendienst. Diese Behauptung ist un- und antibiblisch, weil die Kirche sich bei ihrem Bildergebrauch in aller Selbstverständlichkeit an die biblischen Vorgaben hält. Denn gemäß der Heiligen Schrift gibt es zweierlei Bildergebrauch, zum einen den nach 2Mo 20,3-4 von Gott verbotenen, und zum anderen den von Gott erlaubten.

Bei der von Gott im 1. Gebot verbotenen Bilderverehrung handelt es sich in der Tat um Götzendienst, und es hat auch keiner etwas anderes behauptet; denn in diesem Gebot verbietet Gott die Herstellung, den Gebrauch und die Verehrung von Bildwerken, die Götter darstellen oder die selbst als Götter betrachtet werden, weshalb Gott unmittelbar nach dem Gebot „Du sollst keine anderen Götter haben neben mir“ das entsprechende Bilderverbot erteilt:

Du sollst dir kein geschnitztes Bild machen, auch keinerlei Abbild dessen, was droben im Himmel oder was unten auf der Erde oder was im Wasser unter der Erde ist. Bete sie nicht an und diene ihnen nicht! Denn ich, der HERR, dein Gott, bin ein eifersüchtiger Gott.“

Als Beispiel dieser verbotenen Bilderverehrung wird die anbetende Verehrung des Goldenen Kalbes durch die Israeliten im 32. Kapitel des zweiten Buches Mose aufgezeigt: In der längeren Abwesenheit des Propheten Moses wollte das Volk von Aaron „Götter“ in Form von Bildwerken hergestellt haben, die vor ihm herziehen: „Wohlan, mach uns Götter, die vor uns herziehen.“ (2Mo 32,1) Unter dem Druck des Volkes ließ Aaron dem Volk ein Götterbildnis herstellen, das es somit als seinen Gott anbetete:

„Sie haben sich ein Kalb gegossen, sich vor ihm niedergeworfen, ihm geopfert und gerufen: ‚Das ist dein Gott, Israel, der dich aus Ägypten geführt hat.‘“ (2Mo 32,8)

Darüber erzürnte Gott, so dass er die Israeliten zu vertilgen beabsichtigte. Nur auf Moses‘ Fürsprache hin tat Er es nicht (2Mo 32,9-14).

Ein anderes Beispiel finden wir im Buch Weisheit, das Martin Luther aus der bis dato christlichen Bibel verbannt hat:

„Durch allzu frühe Trauer aufgezehrt, ließ sich ein Vater einst ein Bild von dem so schnell verschiedenen Kinde machen. Den so verstorbenen Menschen ehrte er gleich einem Gott und ordnete für seine Untergebenen geheimen Kult und Weihe an.“ (Weish 14,15)

Zwischen diesem verbotenen Bildergebrauch und dem katholischen Bildergebrauch gibt es einen grundlegenden Unterschied: Die katholischen Bildwerke stellen keine fremden Götter dar, sondern die drei göttlichen Personen, die wirklich Gott sind und darüber hinaus auch Maria, Engel und Heilige, die wir nicht als Götter ansehen, sondern als bloße Geschöpfe. Des Weiteren werden diese Bilder als solche nicht als Götter angesehen, weil wir Katholiken keinerlei Götter kennen. Götter gibt es nach der Lehre der katholischen Kirche nicht!

Im Gegensatz zum im 1. Gebot verbotenen und von den Israeliten praktizierten anbetenden Bildergebrauch praktiziert die katholische Kirche also eine gänzlich andere Form des Bildergebrauchs, und zwar die von Gott erlaubte, ja sogar befohlene:

„Stelle zwei Goldkerubim her; als getriebene Arbeit sollst du sie an den beiden Enden der Deckplatte anfertigen! Und zwar sollst du den einen Kerub an dem einen und den anderen an dem anderen Ende anbringen. Von der Deckplatte her mache die Kerubim über ihren beiden Enden! Die Kerubim sollen ihre Flügel nach oben hin ausbreiten, indem sie mit ihren Flügeln die Deckplatte überdachen; ihre Antlitze seien gegeneinander gekehrt; zur Deckplatte hin sollen die Gesichter der Kerubim gerichtet sein.“ (2Mo 25,18-20)

Gott ordnete also ausdrücklich die Herstellung von Bildwerken an, die zwei Engel darstellen sollten, also „was droben im Himmel“ ist (vgl. 2Mo 20,4). Folglich steht diese von Gott angeordnete Herstellung und der von Ihm angeordnete Gebrauch zweier heiliger Bildwerke nicht im Widerspruch zu Seinem Gebot 2Mo 20,4. Denn Gott widerspricht nicht Seinem eigenen Gebot. Weil die heiligen Cherubimstatuen stellten hier nämlich keine Götter dar, sondern Engel. Doch bei den Cherubimstatuen blieb es nicht, denn nun sollte Moses in Gottes Auftrag eine eherne Schlange (!) anfertigen, die die von Schlangen Gebissenen anschauen sollten, um dadurch geheilt zu werden:

„Darauf sagte der Herr zu Moses: ‚Fertige dir eine Schlange und befestige sie an einer Stange! Jeder, der gebissen ist, soll dann zu ihr aufblicken, und er wird am Leben bleiben.‘ Moses verfertigte also eine Schlange und hängte sie an eine Stange. Und wirklich, wenn eine Schlange jemanden biss, und er blickte zur ehernen Schlange auf, so blieb er am Leben.“ (4Mo 21,8-9)

Auch hier sehen wir, das Bildwerke hergestellt und in Gebrauch genommen werden dürfen, solange man sie und alles, was in ihnen abgebildet ist, nicht als Götter betrachtet, sondern als das, was sie sind. Und Gott ist doch wohl der beste Ausleger seiner eigenen Gebote! Er legt uns das 1. (2.) Gebot hier so aus, wie Er es selbst versteht! Die besagten protestantischen Lehrer und Prediger sind gegen Sein eigenes Bilderverständnis positioniert, welches die katholische Kirche vertritt.

Und seien wir doch ehrlich: Was gibt es für ein schlimmeres Bildnis als eine Schlange?? Und dann hat sie auch noch eine heilende Wirkung! Hätten wir Katholiken Schlangenbilder in unseren Kirchen, dann würden manche Evangelikalen vermutlich an Schwächeanfällen sterben aufgrund ihres dann wohl ununterbrochenen „Satanisten!“-Rufens. Aber für Gott war das offenbar kein Problem.

Doch damit nicht genug: Als König Salomon den Jerusalemer Tempel bauen ließ, ließ er für den Tempel zahlreiche Bildwerke herstellen, was diesmal ohne göttlichen Auftrag geschah:

„Im Hinterraum ließ er zwei Kerubim aus Ölbaumholz anfertigen … Auch die Kerubim hatte er mit Gold überzogen.“ (1Kön 6,23-28)

„An allen Wänden des Hauses (des Tempels) ließ er ringsum Schnitzwerke von Kerubim, Palmen und Blumengehängen im inneren und im äußeren Raum anbringen.“ (1Kön 6,29)

„An den beiden Türflügeln aus Ölbaumholz ließ er Schnitzwerke von Kerubim, Palmen und Blütengehängen anbringen und vergolden. Die Kerubim und Palmen überzog er mit Goldblech.“ (1Kön 6,32)

„In zwei Reihen hatte man die Blumengewinde mit ihm aus einem Guss gegossen. Es stand auf zwölf Rindern, von denen drei nach Norden, drei nach Westen, drei nach Süden und drei nach Osten gewandt waren. Das Meer ruhte auf ihnen, da ihre Hinterseite jeweils nach innen gekehrt war.“ (1Kön 7,24-25)

„An den Verbindungsleisten zwischen den Randleisten befanden sich Löwen, Rinder und Kerubim, und an den Randleisten ebenso. Oberhalb und unterhalb der Löwen und Rinder waren herabhängende Kränze.“ (1Kön 7,29)

„Auch an seinem (des Beckens) Rand befand sich Schnitzwerk.“ (1Kön 7,31)

„Auf die Seitenflächen (des Gestells) ließ er Kerubim, Löwen und Palmen eingravieren …“ (1Kön 7,36)

Salomon ließ also aus sich selbst heraus Bildwerke von dem, „was droben im Himmel“ (Cherubim) und von dem, „was unten auf der Erde“ ist (Palmen, Blumen, Blüten, Rinder, Löwen) anfertigen und öffentlich im Tempel anbringen. Absolut gut und richtig, weshalb Gott diesen schön mit Bildwerken geschmückten Tempel wohlwollend angenommen hat, eben weil diese Bildwerke und das, was sie darstellten, nicht als Götter betrachtet und verehrt wurden, sondern als das, was sie darstellten: Cherubim, Palmen, Blumen, Blüten, Rinder, Löwen und ihre Bilder. Die katholische Kirche tut das Salomon gleich, indem auch sie ihre Heiligtümer schön mit Bildwerken schmückt, was somit nicht gegen das 1. Gebot verstößt, weil auch diese Bildwerke, wie bei Salomon, keine Götter, sondern die drei göttlichen Personen, Maria, Engel und Heilige darstellen. Sie tut also, wie Salomon, damit etwas, was offenkundig Gott wohlgefällt.

Die Heilige Schrift lehrt uns also, dass heilige Bildwerke durchaus ihren Platz in unseren christlichen Heiligtümern haben dürfen, da sie auch eine schöne, angenehme christlich-spirituelle Atmosphäre schaffen, innerhalb der unsere Spiritualität und Heiligung gefördert und unser Glaube vertieft wird und christlich-religiöse Gedanken, Gefühle und Entschlüsse geweckt werden und so unser Herz noch leichter zum Gebet erhoben wird als normalerweise, während das Gegenteil die Gedanken mehr zur Oberflächlichkeit, zur Welt und zur Sünde hin begünstigt, auch dann, wenn man es selbst nicht merkt.

Des Weiteren ist es ein historischer Fakt, dass früher viele Menschen nicht lesen konnten. Eine Evangelisation mittels Bildern war hier sehr hilfreich. Ein Sola Scriptura wohl eher kaum.

Stjepan Vucina, 2009 durchs Bibelstudium katholisch geworden, ist katholischer Apologet. Sein Herzensanliegen ist es, Protestanten anhand der Heiligen Schrift die katholische Position aufzuzeigen. Einige Protestanten in seinem Umfeld konnte er schon durch die Bibel zur Konversion führen.

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