2Tim 3,16-17 führt sich selbst ad absurdum

In Diskussionen und Debatten mit Freikirchlern über die lutherische Lehre Sola Scriptura erlebt man, dass zur Beweisführung immer wieder 2Tim 3,16-17 vorgetragen wird:

„Alle Schrift ist von Gott eingegeben und nütze zur Belehrung, zur Beweisführung, zur Zurechtweisung, zur Schulung in der Gerechtigkeit, damit ausgestattet sei der Mann Gottes, wohlgerüstet zu jedem guten Werk.“

Dies würde Sola Scriptura beweisen. Das jedoch ist nur die übliche oberflächliche Theologie:

  1. Hier steht NICHT, dass die Schrift ALLEIN nütze zur Belehrung … sei. Das Wort „allein“ fügen die Freikirchler dieser Bibelstelle gedanklich hinzu und verfälschen sich auf diese Weise die Schrift. Das hier fehlende Wort „allein“ impliziert, dass z.B. zur „Schulung in der Gerechtigkeit“ noch anderes dazu kommt, z.B. die Lebensgeschichten christlicher Heiliger, an deren vorbildlichen Leben wir ersehen können, wie man zur Vollendung der Gerechtigkeit und Heiligkeit gelangt, die unser aller Ziel ist.
  2. „Alle Schrift ist … nütze zur Belehrung …“ – Die Schrift ist nütze zur Belehrung … Sie ist nur nütze, aber nicht notwendig, weshalb es nicht heißt: „Alle Schrift ist … notwendig zur Belehrung …“ Wäre sie notwendig, hätte der Apostel Paulus als inspirierter Schreiber nicht das schwache Wort „nütze“ verwendet, sondern das starke Wort „notwendig“. Das aber hat er nicht. Die Schrift ist nicht notwendig zur Belehrung … Notwendig zur Belehrung sind in allerersten Linie die kirchlichen Katechismen, in denen die gesamte christliche Lehre und ihre Aspekte klar und deutlich formuliert sind. Die Kirche ist nämlich „Pfeiler und Fundament der Wahrheit“ (1Tim 3,15). Von ihr empfangen wir die geoffenbarte Wahrheit. Die Schrift hingegen ist nur nützlich. Mehr nicht. Es ist also keine Katastophe, wenn wir die Bibel zur Belehrung etc. vorerst nicht benutzen.
  3. Im vorausgehenden Vers 15 schreibt Paulus an Timotheus, dass er „die Heiligen Schriften“ von Kindheit an kennt. Erst daraufhin schreibt er: „Alle Schrift ist von Gott eingegeben und nütze“. Das heißt, Paulus spricht hier nicht vom Alten und Neuen Testament, sondern nur vom Alten Testament, heißt, die Bibel der Apostel war das Alte Testament, welches Timotheus von Kindheit an kannte, und welches nützlich, nicht notwendig, ist zur Belehrung etc. Das Neue Testament hat damit erst einmal nichts zu tun. 
  4. Paulus spricht in Vers 15 von den Schriften des Alten Testaments als von „DIE Heiligen Schriften“, die er in Vers 16 als „ALLE Schrift“ oder auch „GANZE Schrift“ bezeichnet. Die bis dato verfassten Schriften, die zum Neuen Testament gehören, zählt er NICHT zu „ALLE Schrift“. Die Bibel der Apostel war also ausschließlich das Alte Testament. Dass die Schriften des Neuen Testaments Teil der Bibel wären, ist, um es freikirchlich auszudrücken, unbiblisch. Heißt, dass die Freikirchler zwar Sola Scriptura propagieren und fordern, aber Sola Scriptura selbst nicht einhalten, sondern Schrift (AT) + Tradition (NT). Kurzum: Wenn die Freikirchler die neutestamentlichen Schriften zur Schrift zählen, sind sie unbiblisch.

Wir sehen, dass sich die Freikirchler mit ihrem Verweis auf 2Tim 3,16-17 bzgl. ihres Sola Scriptura selbst ad absurdum führen. Nach 2Tim 3,15-17 gehören diese Verse und der Brief, in denen sie vorkommen, NICHT zur Bibel. Die demnach nichtbiblischen Verse 2Tim 3,15-16 zeigen lediglich, dass die Apostel und damit die Christen des 1. Jahrhunderts NUR das Alte Testament als Bibel hatten. Die Protestanten, im speziellen die Freikirchler, weichen von den Aposteln Christi ab, indem sie im Gegensatz zu ihnen noch die Schriften des Neuen Testaments der Apostel-Bibel hinzufügen. Als Katholiken dürften sie das, da wir auch die kirchlichen Traditionen und (Kanon-)Entscheidungen beachten. Als Protestanten disqualifizieren sie sich jedoch damit selbst!

Will man als Protestant mit den Aposteln übereinstimmen, ist man gezwungen, NUR das Alte Testament als Bibel anzunehmen, das Neue Testament als Teil der Bibel abzulehnen, seine Schriften auf dieselbe Stufe mit denen der Kirchenväter zu stellen, und so das eigene unbiblische Sola Scriptura NUR an das Alte Testament, der Bibel der Apostel, anzuwenden. Doch auch das würde sich als falsch erweisen, weil nach 2Tim 3,15-17 die Apostel-Bibel (AT) nicht ALLEIN nützlich zur Belehrung … ist, und notwendig schon mal gar nicht. 

Ich fasse zusammen: Die Protestanten, insbesondere die Freikirchler, vertreten nicht Sola Scriptura (AT), sondern Scriptura (AT) + Protestantische Tradition (NT). Demzufolge hat es keinen biblischen Wert, wenn sie uns Katholiken gegenüber zur Beweisführung ihrer Lehren aus den neutestamentlichen Schriften zitieren. Deshalb muss man wegen ihres eigenen Prinzips Sola Scriptura zur biblischen Beweisführung ihrer Lehren von ihnen NUR Zitate aus der Apostel-Bibel (AT) verlangen. Zitate aus dem Neuen Testament sollte man daher von ihnen NICHT akzeptieren, und zwar solange, bis sie Sola Scriptura ablegen und zugeben, dass sie Scriptura (AT) + Tradition (NT) vertreten!

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